"Könnt ihr abstrakten Maler denn überhaupt noch
den Menschen malen?"

Zu ihrem fünfzigsten Jubiläum hat die Galerie Rothe,
Frankfurt am Main, eine "Jahresgabe 2012" herausgebracht:
"Portraits. Arbeiten 1957 bis 2011 von Künstlern der Galerie"
mit Texten von Peter Anselm Riedl, Martin Grzimek und
Wolfgang Rothe.
Der Text von Wolfgang Rothe ist eine Erinnerung an
den Freund Hans Platschek.


Sechszehnjährig war Hans mit der jüdischen Familie aus Berlin nach Südamerika emigriert. Ein zuvor noch begonnenes Kunststudium, dass ein früher Katalog angibt, dürfte eine jener Mystifikationen sein, mit denen er gern seine Umgebung an der Nase herumführte; anscheinend enttarnte bisher niemand den ominösen "Professor Schorlach" als Anagramm von Arschloch. 1953 durch Hanna Bekker vom Rath aus Montevideo nach Deutschland zurückgelockt, hing Hans nach der Ausstellung im Frankfurter Kunstkabinett quasi in der Luft. Damals lernten wir uns kennen, er war ein fast ausgezehrt wirkender asthenischer Typ. Jahre schlimmer Armut, aus seiner Biografie strich er bis zuletzt seinen Aufenthalt in Goethes Stadt der Pfeffersäcke, sie blieb offenbar tief sitzendes Trauma. Hans lebte mit Josephine Gastineau zusammen, einer gebürtigen Berlinerin, die er als Frau eines französischen Staatsanwaltes ausgab (auch das am Ende Erfindung). Josephine war eine liebe, hübsche Person, die vom Theater träumte und Schauspielunterricht nahm, wir übten später in München verteilte Rollen. Wovon sich die beiden in Frankfurt ernährten, - schleierhaft.

1957 entwarf Hans den Einband meines literarischen Debüts "James Joyce" bei Limes, wo fast gleichzeitig seine Anthologie "Dichtungen moderner Maler" herauskam. Akzeptiert wurde Platschek als Maler in der tonangebenden rheinischen Kunstregion nicht, sein jüdischer Intellekt, sein boshafter, nicht selten bösartiger Witz, der sich zu grausamen Verbalzynismen steigern konnte, war vielleicht den Malerkollegen unheimlich, man meinte, er solle gefälligst beim Schreiben bleiben anstatt zu malen. Ein antiintellektuelles Ressentiment, das seiner­zeitige Vorurteil gegen alles 'Literarische' in der Kunst schadete ihm, möglicherweise existierte gar eine unterbewusste Aversion gegen seine jüdische Herkunft. Essayistisch brillierte Platschek zuerst 1959 mit seiner Absage gegen den Tachismus "Neue Figu­rati­onen", untertitelt "Aus der Werkstatt der heutigen Malerei", 1962 folgte der Band "Bilder als Fragezeichen", beides im angesehenen Piper Verlag.

Der Weggang nach München 1958, wo ihn die junge Galerie van de Loo unter ihre Fittiche nahm, schien geradezu eine Flucht vom Main. Maria und ich besuchten ihn öfter an der Isar. Die nächsten Stationen, anfangs der Sechsiger, waren Rom und London. Damals hatte er mit allem Deutschen, sogar den eng­sten Frankfurter Freunden, grundlos gebrochen, - ein radikaler Schlussstrich, eine vehemente Selbstamputation. 1960 lieferte er uns noch eine Lithografie für die Edition Rothe (sein von uns angeregter früheste Versuch, "Tiago", gehörte Juni 1958 zu unserer Startkollektion). Danach brach der Kontakt ab, er war für uns verschwunden; lediglich einmal, nicht lange vor seinem Unglückstod, traf ihn Maria noch in Hamburg, ich sah in jedoch nie wieder.

Duzfreund Hans verdankten wir Entscheidendes, unsere Initiation in die moderne Kunst Mitte der Fünfzigerjahre, er machte den Cicerone durch die Münchener Kandinsky-Schau, war Berater und Ideenlieferant bei der Gründung unseres Verlags für deutsche Originaldruckgrafik nach längerer technischer Vorbereitung. Die erste Künstlerauswahl ging auf sein Konto (wir hatten die Namen nie gehört). Er arrangierte unseren allerersten Atelierbesuch, in München bei Rolf Cavael, zu dem Fred Thieler herbeitelefoniert wurde. Des Letzteren Präsentation in der Galerie Stangl, Martiusstrasse 8 in Schwabing, war unserer erster Schritt über die Schwelle einer Privatgalerie. Aus dieser stürmischen Anfangszeit gibt es eine umfängliche mehrjährige Korrespondenz, zum Teil nur komisch und obzön, kaum zur Publikation geeignet.

Die einzige Gegenleistung unsererseits für seine Hilfe war purer Zufall: seine Portraits. Der Auslöser: Auf der Treppe einer Schwabinger Pension provozierte ich ihn mutwillig mit der Naivität des just in die 'abstrakte' Kunst Eingeführten: "Könnt ihr abstrakten Maler denn überhaupt noch den Menschen malen?" Portrait war ja total démodé, galt als Opas Kunst. Hans' Antwort blitzschnell: "Glänzende Idee, machen wir nachher gleich." Von unserem Spaziergang retour, ergriff er in seinem Atelier, einem winzigen Zimmer der Pension, ein frisch­gemaltes Bild und übermalte es in einem Zug in Stunden­frist mit meinem Konterfei, ohne Korrekturen, mit stupender Sicherheit, - ein Geniestreich. Er schenkte mir diesen frühesten Por­trai­tie­rungs­versuch, das Bild hing seither in wechselnden Woh­nun­gen, über ein halbes Jahrhundert, von Besuchern stets bewundert; den Urheber errät aber keiner.

WR

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Wir danken Wolfgang Rothe für die freundliche Genehmigung,
Text und Bild hier zu zeigen.