"Hals- und Ohrabschneider · Unterwegs im Kunstbetrieb"
Dem gleichnamigen Buch von Karlheinz Schmid, erschienen 2012 im Verlag Lindinger + Schmid, Regensburg, entnehmen wir den folgenden Text über Hans Platschek:



Zuletzt hatte mir der väterliche Freund einen Kommentar zur südamerikanischen Kunstszene versprochen; er sollte in unserer nächsten KUNSTZEITUNGAusgabe veröffentlicht werden. Sein Manuskript traf indes nicht mehr ein. Hans Platschek, der Raucher, Maler und Schriftsteller, wurde im Jahr 2000, vier Wochen vor seinem 77.Geburtstag, Opfer eines Schwelbrandes in der eigenen Wohnung. Der Mann, der den Atem hatte, um auch die prominentesten Kollegen im inter­nationalen Kunstgeschäft in die Enge zu treiben, starb den Erstickungstod.

Nächtelang hatten wir diskutiert, auch gestritten  über Beuys, Gott und die Welt (er gegen, ich für Beuys). Nächtelang hatten wir uns, einst in den Achtzigern, auf dem Hamburger Kiez her­um­getrieben und die Welt, so gut es ging, wenigstens gedank­lich verbessert. Ein Vergnügen der besonderen Art. Dabei konnte er, der Weltmann, nicht nur von Globalisierung schwär­men. Als Jugendlicher hatte er nämlich mit seinen jüdischen Eltern das NaziDeutschland verlassen müssen. 15 ent­schei­dende Jahre verbrachte er in Südamerika, bevor er nach Europa zurückkehrte und in Metropolen wie Rom, London, Paris und Amsterdam lebte.

Erfahrungen, die sich in seinen Bildern und Büchern aufs An­schau­lich­ste nachvollziehen lassen. Erfahrungen, die auch Brüche erläutern, wie sie für Platschek bezeichnend sind. Unvergessen, wie er Ende der Fünfziger, als Teilnehmer der documenta 2 in Kassel, für Chaos im Lager der Informellen sorgte, als er, einer ihrer Wortführer, plötzlich konvertierte und die umstrittene Figuration feierte. Später wurde, inklusive Über­schreitung der Schmerzgrenze, handfester Realismus daraus.

Der Maler Hans Platschek, so schien es, erhielt in seinen Re­al­is­musJahren weniger Anerkennung als der Kritiker Platschek. Angebote schriftlicher Auftragsarbeiten trafen ständig ein. Doch die Malerei, etwa der peinliche, entlarvende Tanzabend im Seniorenheim oder, anderes Motiv, die nackte Alte im Friedhof, nein, diese Bilder fanden nur eine kleine Fangemeinde. Ob er denn doch was aus seiner ungegenständlichen Phase habe, wurde er immer wieder gefragt, "Sie wissen schon, was aus den fünfziger Jahren".

Aber Hans Platschek konnte und mochte die Uhr nicht zurück­stellen. Er wollte zeitlebens lieber nach von schauen, Visionen entwickeln. Sentimentaler Rückblick  kein Fall für ihn; überhaupt Gefühlsduselei  keine Sekunde lang. Im Gegenteil: Es ist, wie es ist oder wie wir es machen. Also Gegenwart und Zukunft. Vergangenheit nur, wo der Vergleich vonnöten ist. Solches Vordenken hat mich oft verblüfft. Weiß man doch, dass sich ältere Herren gerne entspannt zurücklehnen und am liebsten im Plusquamperfekt schwelgen, weil ihnen nur die Vor­ver­gangen­heit den sicheren Abstand zum fragwürdigen Heute gibt.

Für Platschek stellte sich die Gegenwart, alles in allem, recht unkompliziert dar, weil er, trotz seiner Liebe zur nuancierten Zeichnung, beherzt auf SchwarzWeiß setzte. Es gab die Ohrabschneider für ihn, die leidenschaftlichen Künstler und Vermittler. Und er sah ihre Gegenspieler, die Halsabschneider, die Wucherer und Scharlatane, die letztlich der Kunst schaden. "Du musst immer wissen", sagte er wiederholt zu mir, "wo Du stehst". Er selbst rutschte allenfalls beim Rasieren aus und verletzte sich leicht; dass er dennoch zu den echten Ohr­ab­schnei­dern gehörte, das war mir von Anfang an klar. Sonst hätte diese Freundschaft auch niemals begonnen.

KS

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Wir danken Karlheinz Schmid für die freundliche Genehmigung,
Texte und Cover hier zu zeigen.

© Umschlagfoto: Heinrich Hermes