12. März 2013
K.R.H. Sonderborg Hommage

Am 12. März 2013 wäre Hans Platschek 90 Jahre alt geworden.

Auch sein Freund Hoffmann Sonderborg wäre 90 Jahre alt geworden, und zwar am 12. April 2013.

Dieses Datum nahm die Galerie Anne Moerchen, Hamburg zum Anlass einer „K.R.H. Sonderborg Hommage“.

Die Eröffnungsrede am 17. April 2013 hielt Kurt Groenewold:

Ich habe im Laufe der Jahre eine Reihe von Künstlern begleitet, als Freund und als Rechtsanwalt. Manche haben mich zum Nachlassverwalter und Testamentsvollstrecker bestellt. Dazu gehört Hans Platschek, der im Jahr 2000 starb. Ich bin Vorsitzender der Hans Platschek Stiftung, die jährlich einen Preis auf der art Karlsruhe durch einen unabhängigen Juror vergibt.

Hoffmann Sonderborg und Hans Platschek waren enge Freunde. In vielen Ausstellungen wurden ihre Werke gemeinsam ausgestellt, zuletzt 2009 im Museum für das Fürstentum Lüneburg unter dem Titel „Hans Platschek und seine Hamburger Freunde“. Ich selbst kannte Hoffmann Sonderborg seit vielen Jahren und habe seine erste Ehefrau und seine ältesten Kinder vertreten.

Ich möchte etwas zur zeitgeschichtlichen und politischen Einordnung der Künstler des europäischen Informel sagen, einer kurzen Phase der Kunst der Nachkriegszeit, die bereits mit den 50er Jahren endeten.

Während des Nationalsozialismus gehörte Hoffmann Sonderborg zur sogenannten „Swing-Jugend“, die ausländische Sender hörten und sich für Jazz und Swing begeisterten, was die Nationalsozialisten als „Negermusik“ bezeichneten. Seine Vorlieben wurden ihm zum Verhängnis, 1941 wurde er von der Gestapo verhaftet und im Konzentrationslager, Hamburg, dem Kola-Fu inhaftiert. Hans Platschek lebte in dieser Zeit in Montevideo. Da seine Mutter Jüdin war, hatte die Familie Deutschland verlassen müssen und war nach Lateinamerika ins Exil gegangen – Platschek kehrte Anfang der 50er nach Europa und nach Deutschland zurück, und bewegte sich in denselben und ähnlichen Kreisen wie Hoffmann Sonderborg.

Für die Künstler der Nachkriegszeit, sowohl im zerstörten Europa als auch in Amerika, erhob sich die Notwendigkeit, neu über Kunst, über die Aussage und Funktion von Kunst nachzudenken. Allgemein war das Gefühl vom Verlust der Geschichte, ein damals geprägter Begriff, der das Lebensgefühl auf den Nenner brachte: Verlust der Geschichte bedeutet Verlust der eigenen Vergangenheit, der Tradition – damit verbunden die Unmöglichkeit, die eigene Gegenwart in einem geschichtlichen Zusammenhang zu erkennen. Der Mensch ist ausgeliefert an schwankende Weltverhältnisse und ebenso schwankende Weltmachtverhältnisse. Gestalten konnte der Künstler deshalb nur das „Drama“ der individuellen Existenz.

Ähnliches vollzieht sich in der Literatur: Der Existentialismus eines Sartre und Camus verzichtet auf die Tradition als Leitlinie und spricht davon, dass der Mensch, das Individuum, zur Freiheit „verurteilt“ ist, d.h. jede Entscheidung ist Ausdruck dieser Freiheit, zugleich aber auch individuelle Festlegung. Die so erkannte Freiheit ist ein „Abschied von der Geschichte“, Alexander Kluge nannte das später in anderem Zusammenhang einen „Abschied von gestern“. Die extreme Ich-Bezogenheit, die freie Entscheidung der Mittel und Motive ist als Reaktion auf die außerkünstlerischen Umstände zu sehen und wird radikal zum Prinzip der Formlosigkeit erhoben. Steht man vor einem Werke des Informel, so wird nicht klar, ob die Form aufgelöst wird oder ob sie gerade erst entsteht.

In diesem Spannungsverhältnis von Formauflösung und Formwerdung liegt Werner Hofmann zufolge der Kern des Informel. Freiheit ist also in sich selbst ein schwankender, ein ambivalenter Begriff, und kann auf diese Weise auch von gegnerischen politischen Anschauungen in Beschlag genommen werden.
In seinem Werk „Malerei des Informel“ sagt Rolf Wedewer: „Das europäische Informel wie zumal der abstrakte Expressionismus in Amerika wurden als Manifestation westlicher demokratischer Freiheit gegen den Kommunismus ins Feld geführt, freilich auf höchst unterschiedliche Weise. In Europa sprach man von einer „spirituellen Gegenwelt““.
Während in Amerika die neue Kunst also „wegen ihrer Zersetzungsstrategien eindeutig kommunistisch“ genannt wurde, lehnte die stalinistische Propaganda ihrerseits die abstrakte Kunst insgesamt ab und bezeichnete Amerika als „kulturelle Wüste“, als „eine Nation Gummi kauender, Chevy fahrender Banausen“.

In Europa wurde das  Informel überwiegend als künstlerisches Phänomen diskutiert: seine Definition als Ausdruck demokratischer Freiheit, als Selbstbestimmung, blieb eher am Rande. Hans Platschek beschreibt das 1959 in seinem Buch „Neue Figurationen“ folgendermaßen:
„Kein Zweifel, das „Informel“ war an Persönlichkeiten gebunden, an die Gestik, den Zorn einiger Individualitäten. Das Explosive, Rückhaltlose, das in der Herstellung der neuen Bilder lag, forderte, dass der Maler geradezu eine legendäre Figur sei, Gestalt einer neuen Romantik, wenn man unter Romantik den Urzustand der Fehde mit der Umwelt verstehen will“.

Betrachtet man die Arbeiten von Hoffmann Sonderborg unter diesem Aspekt, so gehört er in eine Reihe mit Künstlern wie Tápies, Wols, Vedova, Saura, Schumacher, die jeder für sich stehen, deren Kunst sowohl individuelle Reaktion auf Zustände als auch selbst Aktion ist.

Von hier kann man vielleicht einen Bogen zu zweiten Gruppe von Bildern von Hoffmann Sonderborgs schlagen, die hier auch zu sehen sind: die „Kalaschnikows“ aus der Serie „peacemaker“.

Diese Kalaschnikows sind nur auf den ersten Blick „figürlich“. Tatsächlich können sie als Auseinandersetzung Hoffmann Sonderborgs mit dem Zustand der Welt gedeutet werden: als Metapher für eine unrettbar dem zerstörerischen Prinzip verfallene Welt. Die Kalaschnikow ist ein globales „Zeichen“, das überall verstanden wird, so wie die Verkehrszeichen, Gebots- und Verbotszeichen, überall verstanden werden, eine „Glyphe“, die in schrecklicher Ambivalenz Zerstörung und Freiheit zugleich bedeutet. „Ein Bild, dass ein solches Zeichen oder irgendein anderes festgelegtes als einziges Motiv enthält, ist kein Bild, sondern tatsächlich ein Kryptogramm“ so Hans Platschek in seinem 1962 erschienen „Bilder als Fragezeichen“. Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Kalaschnikow weltweit die Waffe von Aufständischen, Rebellen, Terroristen, Welterneuerern.
So betrachtet, war Hoffmann Sonderborg in seinem gesamten Werk ein „Romantiker“, wie ihn Platschek definiert.